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Zur falschen Zeit am falschen Ort?

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Gießen (red). Auf die Bedrohung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten wollen Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) aufmerksam machen. Deshalb haben die jungen Leute im Jahr 2008 die Initiative Gefangenes Wort gegründet, die sich längst zu einem Verein weiterentwickelt hat. Um noch intensiver auf Einzelschicksale hinzuweisen, kooperiert der Anzeiger mit dem Verein und stellt jeweils zu Beginn des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vor.

Heute berichtet Dennis Klose über die Journalistin Marlene Förster aus Darmstadt, die im April im Irak festgenommen wurde, als sie dort für Recherchearbeiten zur jesidischen Minderheit im Nordirak unterwegs war.

Förster wurde zusammen mit ihrem slowenischen Kollegen Matej Kavcic verhaftet. Beiden warf man vor, Terrorunterstützung betrieben zu haben. Inzwischen wurden die Journalistin und der Journalist freigelassen und haben den Irak verlassen. Doch trotz des letztlich glücklichen Ausgangs zeigt dieser Fall, wie kritisch es um die Pressefreiheit innerhalb des Iraks gestellt ist.

Petition

Die Familie und Freunde Försters setzten sich seit der Verhaftung stark dafür ein, dass der Fall öffentliche Bekanntheit gewinnt. Ein offener Brief an Außerministerin Annalena Baerbock, in welchem die Freilassung von Förster und Kavcic gefordert wird, wurde inzwischen über eintausend Mal unterschrieben. Eine Petition zur Freilassung der beiden auf der Plattform Change.org wurde sogar über 55 000-mal unterzeichnet. Auch bundesweite Demonstrationen, unter anderem in Berlin, Frankfurt und Hamburg, zeigen die Solidarität von Bürgerinnen und Bürgern gegenüber den beiden Journalisten.

Warum es letztlich zu dem spontanen Freispruch kam, lässt sich nur mutmaßen. Ob öffentlicher Druck, auch seitens von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, die irakischen Behörden zum Umdenken brachte oder etwa der Hungerstreik der inhaftierten Reporterin, lässt sich nur spekulieren.

Der mutmaßliche Grund für die Festnahmen ist die Recherchearbeit der beiden Journalist*innen. Sie haben sich zum Zeitpunkt ihrer Festnahme im jesidischen Siedlungsgebiet im Nordirak aufgehalten, um für ein geplantes Projekt zu recherchieren. Inhaltlich sollte es um die Entwicklung der Region nach dem Genozid an Jesidinnen und Jesiden durch die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staates im Jahr 2014 gehen. Der politische Hintergrund der Verhaftung lässt sich nur schwer ignorieren. Wenige Tage vor der Festnahme begann die irakische Armee eine Militäroffensive gegen die jesidische Minderheit. Ziel der Offensive ist laut Angaben der irakischen Armee die Auflösung von Checkpoints der jesidischen Milizen, um zu verhindern, dass staatliche Autorität unterminiert werden würde. Viele Jesid*innen und Beobachter*innen glauben jedoch, dass die Offensive aufgrund Drucks durch die Türkei vorangetrieben wird. Die Türkei begann zeitgleich mit einer eigenen Offensive gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei. Der türkische Präsident hat sich unlängst gegenüber Bagdad für die »enge Kooperation« bedankt. Marlene Förster und Matej Kavcic sind vermutlich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Die irakischen Behörden scheinen nur wenig Verständnis dafür zu haben, wenn sich freie Journalisten mit der jesidischen Minderheit auseinandersetzen möchten. Die 30-tägige Haft der Journalist*innen, die ursprüngliche Anklage des Terrorismus und die aktuell noch vorliegende Anklage von Spionage demonstrieren sehr eindeutig, welchen Stellenwert die Pressefreiheit im Irak hat.

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