1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Zur Not hilft auch das Smartphone

Erstellt: Aktualisiert:

giloka_3004_sprachkurs_e_4c_1
Liudmyla (links) und Julia sind vor dem russischen Angriffskrieg aus der Ukraine geflohen. Jetzt pauken sie Deutsch. © Pfeiffer

90 Minuten pauken: Dr. Barbara Högy bringt geflüchteten Ukrainern im Liebig-Hotel in Gießen Deutsch bei

Gießen . 15 Uhr im Speiseraum des Liebig-Hotels. Wo normalerweise Übernachtungsgäste in ein Brötchen beißen oder ihr Müsli löffeln, herrscht jetzt Klassenzimmerflair. »Ich heiße Anna, ich bin 18 Jahre alt und ich spreche Ukrainisch, Russisch, Englisch und ein bisschen Deutsch«, sagt die junge Frau und linst währenddessen auf die Tafel, die kaum einen Meter neben der Kaffeemaschine steht. Zweimal pro Woche, mittwochs und freitags, paukt Anna hier Deutsch. Nach ihrer Flucht vor dem Krieg war die Ukrainerin zunächst im Liebig-Hotel untergekommen, wo Inhaber Murat Kaya sie kostenlos wohnen ließ. Mittlerweile hat die Lehramts-Studentin eine dauerhafte Bleibe in Allendorf (Lumda) gefunden und kommt für den Deutschkurs zurück ins Hotel.

Ablenkung vom Krieg in der Heimat

Ins Leben gerufen hat den Sprachkurs für ukrainische Geflüchtete Dr. Barbara Högy. Die Bücher hat der Verein »an.ge.kommen« zur Verfügung gestellt. »Es ist nicht gut, wenn sie hier nur unter sich sind. Sie müssen die Sprache lernen«, findet Högy. In ihrem Kurs können die Geflüchteten nicht nur die ersten deutschen Sätze üben, sondern sich auch für 90 Minuten von dem Krieg in ihrer Heimat ablenken und etwas Struktur in ihren Alltag bekommen. Sobald die Geflüchteten angemeldet sind, hätten sie auch das Recht auf einen Sprachkurs, sagt Högy. »Ich befürchte aber, dass es länger dauert.«

Name, Alter, Familienstand, Kinder, Herkunft, Wohnort und Sprachkenntnisse: Reihum stellen sich die Teilnehmer anhand des kleinen Leitfadens vor, den ihre Lehrerin kurz zuvor auf die Tafel geschrieben hat. »Es ist sehr wichtig, dass ihr das übt. Das braucht ihr zum Beispiel beim Jobcenter«, schärft Barbara Högy den Ukrainern ein. »Schreibt es ab, fotografiert es, lernt die Antworten.« Zeit für etwas Zwischenmenschliches und Ausgelassenheit bleibt da trotzdem: Als Julia erzählt, dass sie geschieden sei, wird Alexej hellhörig - und sorgt für reichlich Gelächter.

Eigentlich ist Barbara Högy Ärztin. An der Volkshochschule hat sie einen Kurs zur Lehrkräftequalifizierung Deutsch als Fremdsprache besucht. Die Arbeitsanweisungen erklärt Högy auf Deutsch, Englisch und bei Bedarf auch mit den Händen - oder ihre Schüler zücken einfach die Übersetzungs-App auf dem Smartphone. Denn die 57-Jährige spricht selbst weder Ukrainisch noch Russisch. Die Verständigung klappt trotzdem.

Auch, weil Logistikingenieurin Valerija und Verkäuferin Julia schon zu Hause in der Ukraine ein wenig Deutsch gelernt haben und nun bei Bedarf für ihre Mitschüler übersetzen. Die beiden Frauen sind aus Dnipro, rund 400 Kilometer südöstlich von Kiew, geflohen und am 17. März in Gießen angekommen. Zu Beginn seien sie sehr ängstlich, das Zurechtfinden in der Fremde schwierig gewesen. »Jetzt ist es besser.« Wie lange sie hier bleiben oder ob sie überhaupt in ihre Heimat zurück können, das können sie nicht abschätzen. Fällt es ihnen schwer, Deutsch zu lernen? Nein, sagen beide. Einfach sei es aber auch nicht.

»Wir schlagen Seite 37 auf«, sagt Barbara Högy und prompt blättern die elf Schüler in ihren Büchern. Mustafa und Kenan, die beide Deutsch-Sprachkurse für Fortgeschrittene besuchen, unterstützen Lehrerin Högy und schauen beispielsweise, ob auch die richtige Seite im Buch aufgeblättert wird oder die neuen Vokabeln korrekt notiert werden. »Ich lerne noch Deutsch, aber ich kann trotzdem schon anderen helfen,«, sagt Kenan, der Maschinenbau studiert.

»Fußball«, »Zimmer« und »Freunde« sind nur drei der Wörter, die die Ukrainer an diesem Nachmittag neu lernen. Für Kopfzerbrechen sorgen allerdings die unterschiedlichen Endungen: Mitbewohner, Mitbewohnerin - ob das eine auf ein Zimmer, das andere auf eine Wohnung abzielt, will eine Teilnehmerin wissen. Und auch die Zahlen gehen noch nicht ganz so flüssig von den Lippen. Aus den geforderten 200 Euro für das WG-Zimmer in der Lehrbuch-Annonce werden da schnell mal 2000 Euro. Und das, so Barbary Högy, ist auch unter Berücksichtigung der Inflation zu viel.

giloka_3004_hoegy_ebp_300_4c_2
Zweimal wöchentlich bringt Dr. Barbara Högy Geflüchteten im Liebig-Hotel Deutsch bei. © Pfeiffer

Auch interessant