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Zusammenprall der Persönlichkeiten

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Narziss in Schieflage: Hugo Latimer (Martin Koob) und Ehefrau Hilde (Aliye Inceöz). Foto: Schultz © Schultz

Das Gießener Keller Theatre zeigt »A song by twilight« von Neil Coward als sehenswertes Lustspiel.

Gießen. Das Keller Theatre eröffnet seine aktuelle Saison mit einer Produktion aus dem Komödiengenre. Martin P. Koob und Rosemary Bock inszenierten den 1966 entstandenen Welterfolg »A song by twilight« von Noel Coward (1899-1973). Das optimal disponierte Ensemble lieferte bei der Premiere am Wochenende ein sehenswertes, hoch unterhaltsames Lustspiel ab, das Schenkelklopfer ebenso bereithielt wie einige nachdenkliche Momente. Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert.

Ein Treffen im Schweizer Hotel

Die Geschichte des Bestsellerautors Hugo Latimer (Martin P. Koob als wunderbar nervtötender, dominanter Narziss), der mit seiner deutschen Frau (zurückgenommen, aber prägnant: Aliye Inceöz) im Schweizer Hotel ein eher abgeschiedenes Leben führt, ist schon von der Besetzung her ein Vergnügen. Dazu gehört als probater Störfaktor seine Verflossene Carlotta (Elizabeth Regan in Topform). Man trifft sich im Hotel, da Carlotta ein wichtiges Anliegen signalisiert hat und Latimer neugierig ist.

Der Ton wird durch einen angenehm schrägen Kellner (Jannik Schurmann als unerschütterlicher Dienstmann) leicht ironisiert. Aber im Wesentlichen prallen hier massive Persönlichkeiten aufeinander. Hugo hat schon ewig keine Widerworte mehr vernommen, und so ist er erheblich verärgert, als Carlotta im völlig ungeniert in grundlegenden Fragen des Lebens und ihrer Vergangenheit widerspricht und schließlich sogar die Leviten liest.

Sie hat auch gute Karten, einen Stapel Liebesbriefe an sich selbst und vor allem an einen ehemaligen Liebhaber Hugos. Der hatte seine homosexuelle Neigung bisher sorgfältig geheim gehalten, weil sie zum Zeitpunkt der Geschichte noch gesetzlich verboten war. Aber jetzt hat seine Ex die Briefe in der Hand - und ihn gleich mit. Was, wenn sie das Material veröffentlicht? Dazu braucht sie zwar Hugos Genehmigung, aber dennoch schwebt ein Damoklesschwert über seinem Haupt.

Carlotta lässt Hugo zunächst zappeln. »Ich habe mich noch nicht entschieden«, säuselt sie genüsslich. Hugo unterdes steht immer mehr unter Dampf. Schließlich hat er einiges zu verlieren. Ein zur damaligen Zeit brisantes Thema, das der vielseitige Oscar-Preisträger Neil Coward in diesem Stück anging.

Regan, die als Muttersprachlerin auf der Bühne ein glänzendes Oberschichtenglisch liefert, ist eine erfahrene Akteurin, die schon vielfach im Keller mitwirkte und sich bei der Premiere in ihrem Element zeigte. Sie bildete in Mimik, Körpersprache und vor allem Dialogen ihre Figur makellos ab und servierte alle Pointen glockenklar.

Nicht vergessen werden darf Aliye Inceöz als Hilde, Hugos deutsche Ehefrau. Sie erträgt Ruppigkeiten ihres Mannes anscheinend ungerührt, ja fast demütig, während Hugo gewohnheitsmäßig aus allen Rohren feuert, nicht zuletzt gegen sie. Doch der Autor hat für sie später eine bemerkenswerte Wende vorgesehen. Aliye Inceöz bringt diese originelle Volte im Stück dann ebenso überraschend wie souverän über die Rampe, sie überzeugt Carlotta, Hugo alle Briefe zurückzugeben.

Das Ganze endet mit einer stillen Szene, in der Hilde Hugo beim Lesen antrifft, sichtlich gerührt. Dieser Moment, tadellos realisiert, setzt in dem ansonsten heiteren Treiben eine besinnliche Note. Das Publikum applaudiert heftig und andauernd.

Die nächsten Vorstellungen gibt es am 14., 15., 21., 22. 28. und 29. Oktober. Karten im Haus der Karten und im Internet unter www.tickets.keller-theatre.de.

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