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Wo sich früher mal der »Motorpool« der US-Armee befunden hat, soll ein neues Wohnquartier entstehen.

Zuschlag geht an vier Vereine

Gießen . Wild wachsende Sträucher, schlammige Wege und aufgerissene Straßen: Auf den ersten Blick deutet derzeit auf der »Philosophenhöhe« noch nicht allzu viel darauf hin, dass hier das gleichnamige neue Wohnquartier entsteht. Mal abgesehen von einigen Baggern, die an verschiedenen Stellen des knapp acht Hektar großen Plangebiets im Gießener Osten ihrem Tagwerk nachgehen.

Wo über Jahrzehnte die US-Armee ihren »Motorpool« unterhielt, werden künftig an die 1000 Menschen leben. Eines der Baufelder, das fast 5400 Quadratmeter umfasst, ist für gemeinschaftliche Wohnformen reserviert. Das kann beispielsweise generationenübergreifendes Wohnen, also Alt und Jung unter einem Dach, sein oder sich vor allem an Familien oder Studierende und Auszubildende richten. Nachdem sich Initiativen den Sommer über dafür bewerben konnten, was auch insgesamt elf taten, steht nun fest, wer den Zuschlag durch den Magistrat bekommen hat.

Ein Jahr Zeit zur Projektentwicklung

Dabei handelt es sich um eine Interessengemeinschaft aus vier Gießener Vereinen: Gewo Zwopunktnull, Hausprojekt Gießen, Miteinander Wohnen und Leben (MiWoLe) und VierWände. Den Beteiligten bleibt nach der jetzigen Anhandgabe des Grundstücks durch den Eigentümer, die Stadt Gießen, ein Jahr Zeit zur Projektentwicklung. Das reicht von der Klärung der individuellen Bebaubarkeit der Fläche mithilfe eines Architekten - geplant sind nach aktuellem Stand vier dreigeschossige, maximal 12,50 Meter hohe Häuser mit Grünfläche und Spielplatz in der Mitte - bis hin zur Absicherung der Finanzierung. Erst nach Ablauf dieser Frist wird über den Grundstücksverkauf entschieden. Schon jetzt steht fest, dass dieser Bereich einmal das neue Zuhause von etwa 100 Menschen sein wird, wie Dennis Küppers vom Hausprojekt Gießen e.V. ausführt. Dabei wolle man »eine soziale, ethnische und politische Durchmischung« der Bewohner hinbekommen. Zudem gelte es, »ökologisch sinnvoll zu bauen«. Schließlich treibt alle Mitstreiter ebenfalls an, einen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung mit dem Erreichen der Klimaneutralität bis 2035 zu leisten. Die Zahl der Parkplätze möchte man daher möglichst in Grenzen halten, weshalb Carsharing, also die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen, wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist.

Ein Teil der Wohnungen sei bereits vergeben, andere würden aber freigehalten, da noch weitere Mitmachende gesucht werden, berichtet Stefanie Werning vom VierWände e.V. Sie sieht gerade die angestrebte »große Diversität« der Bewohnerschaft, in der man wisse, dass die Nachbarn »diese Werte teilen«, als »Chance, und nicht als Hindernis«.

Mit diesem Pilotprojekt Neuland betritt auch die Stadt. So spricht Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz von einem »Meilenstein für das Wohnen in Gießen«. Zugleich dankt sie allen, die diesen »sehr spannenden Prozess«, der bereits vor rund drei Jahren angestoßen wurde, begleiten. Dazu gehört neben externen Beratern wie dem früheren Wohnbau-Chef Reinhard Thies auch die städtische Steuerungsgruppe, die sich aus führenden Mitarbeitern verschiedener Ämter zusammensetzt. Als Leiter des Stadtplanungsamts nennt Dr. Holger Hölscher noch weitere Vorteile dieses Projekts: »Alle Bewohner entscheiden selbst, was gemacht wird.« Zudem wolle man die Höhe der Mieten »am unteren Rand halten«.

Weitere Pläne für Acht-Hektar-Areal

Jeder der vier Vereine wird das Wohnen in seinem Haus »selbst verwalten«, erläutert Claudia Giese vom Gewo Zwopunktnull e.V. Doch ist ihr wie auch den übrigen Beteiligten nur allzu bewusst, nun vor noch größeren Herausforderungen zu stehen, »die es zu bewältigen gilt«. Wer sich im Übrigen selbst aktiv einbringen oder nähere Informationen zu den einzelnen Wohnformen erhalten möchte, kann dazu die Interessengemeinschaft unter folgender E-Mail-Adresse kontaktieren: philosophenhoehe@riseup.net.

Neben den Projekten der Vereine entstehen auf dem Areal etwa 100 Sozialwohnungen der Wohnbau Gießen GmbH. Darüber hinaus plant der Gießener Investor Depant zusammen mit seinem Frankfurter Partner Wilma weit über 100 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern sowie Reihenhäusern beziehungsweise Doppelhaushälften. Ferner vorgesehen sind Wohn- und Geschäftshäuser unter anderem mit Arztpraxen und Büros, eine Kindertagesstätte, ein Anwohnerparkhaus und ein öffentlicher Parkplatz für »Park & Ride« mit Busverbindungen in die Innenstadt oder als Stellplätze für Besucher von Sportveranstaltungen im nahe gelegenen Waldstadion.

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