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Zweite Chance für kaputte Räder

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Mit einer Schülerfirma macht die Martin-Buber-Schule in Gießen alte Drahtesel wieder fit für die Straße

Gießen . Das Lachen bekommt Qalid überhaupt nicht mehr aus seinem Gesicht. Der 14-Jährige strahlt über beide Ohren, während seine Klassenlehrerin Michaela Müller kräftig in die Pedale tritt. Qalid sitzt im Rollstuhl, aber mit Hilfe eines sogenannten Rollfiets - einer Kombination aus Rollstuhl und Fahrrad - weht dem Schüler gerade kräftig der Fahrtwind um die Nase. Dass das Rollstuhlfahrrad auch immer einsatzbereit ist, dafür sorgt Lehrer Stephan Wasserfuhr gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern in der von ihm geleiteten Fahrradwerkstatt der Martin-Buber-Schule.

Ins Leben gerufen hat Wasserfuhr die Werkstatt 2006. Denn im Vorfeld einer geplanten Radtour hatte sich der Nachwuchs gefragt: Was tun, wenn wir unterwegs einen Platten haben? Mittlerweile hat die Martin-Buber-Schule einen stattlichen eigenen Fuhrpark, mit dem die Kinder und Jugendlichen nicht nur über den Schulhof düsen, sondern sich auch am reparieren üben können.

»Wer neu in der AG ist, bekommt erstmal ein altes Fahrrad zum ausprobieren«, erzählt Wasserfuhr. Das dürfen die Schülerinnen und Schüler dann in seine Einzelteile zerlegen. Dabei lernen sie, wie sie mit Werkzeug umgehen, wie der Drahtesel aufgebaut ist und wie sie sich das Geld für die Profi-Werkstatt sparen können.

Jeremy hat gerade ein Fahrrad an einem der vier Montageständer befestigt und nimmt sich die Checkliste vor. Diese arbeiten die AG-Teilnehmer Schritt für Schritt ab: Sind Lenker und Sattel in Ordnung? Ein prüfender Blick, ein beherztes Rütteln: Ja, hinter beides kann Jeremy einen Haken setzen. Sind die Schutzbleche vorhanden? Wie sehen die Reifen aus und funktioniert das Licht? Erst wenn alle Mängel festgehalten sind, geht es an die Reparatur. Die Arbeit in der Fahrradwerkstatt ist dabei auch Teamwork: Während Jeremy den Drahtesel inspiziert, hilft Klassenkameradin Doreen ihm beim Lesen der Checkliste.

Ein paar Meter entfernt kämpft Angelina gerade mit einem Innensechskantschlüssel, denn die Schraube am Lenker sitzt fester als erwartet. »Nimm das lange Stück, dann kannst du den viel besser bewegen«, rät der Lehrer.

Die Fahrradwerkstatt ist an der Martin-Buber-Schule, an der Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen unterrichtet werden, auch Teil der praktischen Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Nicht einfach drauflosschrauben, sondern mit Plan vorgehen und sich absprechen - darauf legt Wasserfuhr Wert. Außerdem werden das räumliche Vorstellungsvermögen und die motorische Geschicklichkeit gefördert. Und auch Geduld braucht es, wenn die Schraube mal wieder nicht so will, wie man selbst.

Ursprünglich war die Martin-Buber-Schule für etwa 100 Schüler angedacht, aktuell werden fast doppelt so viele hier unterrichtet, erzählt Lehrer Wasserfuhr. Auf dem Gelände stehen bereits Container, eng sei es trotzdem. Und die Raumnot bekommt auch die Fahrradwerkstatt zu spüren, eigentlich bräuchte es mehr Platz - sowohl für den eigenen Fuhrpark, als auch die Werkstatträder und die Montageplätze.

Viele der Fahrräder hat die Schule gespendet bekommen. Die Schülerinnen und Schüler machen sie wieder verkehrstauglich und verkaufen sie mit Hilfe der Lehrer für kleines Geld im Internet. Den Erlös steckt die Schülerfirma zu 100 Prozent in die Werkstatt - etwa um neues Werkzeug oder Dreiräder für junge Erwachsene zu kaufen. Andere Drahtesel baut Wasserfuhr mit seiner AG zu Laufrädern um oder nutzt sie als Ersatzteillager.

»Ein Traum« wäre die Anschaffung eines Rollstuhlfahrrads, bei dem die Schülerinnen und Schüler im eigenen Rollstuhl sitzen bleiben können, sagt Wasserfuhr. Denn damit könnten auch diejenigen mit schweren Behinderungen am Fahrspaß teilhaben. Ein solches Rad schlage aber mit mehreren Tausend Euro zu Buche, für die Schülerfirma ist das nicht zu stemmen.

Zwei Fahrräder sind derweil fertig rundumerneuert und bereit für den Verkauf. Angelina und Jan schieben die Gefährte nach draußen auf den Schulhof und machen Fotos für die spätere Verkaufsanzeige. Hat sich die Arbeit gelohnt? »Die sehen fast aus wie neu«, findet der Schüler und ist sichtlich zufrieden.

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Das Schrauben fördert auch die motorische Geschicklichkeit. Angelina macht vor, wie es geht. © Eva Pfeiffer
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Riesengroße Freude: Qalid braust dank Rollfiet und Lehrerin Michaela Müller über den Schulhof. © Eva Pfeiffer

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