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Zwischen Alltag und Leidenschaft

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Das Spezialgebiet von Nicolas Mathieu sind die ganz normalen Menschen. Mit seinem Gesellschaftsroman »Wie ihre vergessenen Kinder« beleuchtete er das provinzielle Frankreich der 1990er Jahre, in dem die Lebensbiografien einer handvoll gelangweilter Jugendlicher bereits vorgezeichnet erscheinen. Es ist ein Land im Umbruch, in dem die Folgen von Deindustrialisierung und Globalisierung noch kaum zu spüren sind, aber bereits die Saat für die gesellschaftlichen Brüche von heute legen.

Für dieses Meisterwerk erhielt Mathieu im Jahr 2018 den Prix Goncourt, die wichtigste Auszeichnung des Landes. Nun legt er mit »Connemara« ein neues Werk vor, das sich quasi als eine Art Fortschreibung dieses Romans lesen lässt. Doch während Mathieu damals eine ganze Gruppe junger Menschen skizzierte, konzentriert er sich diesmal auf zwei Figuren von Anfang 40, die bereits selbst mit biografischen Brüchen und Niederlagen zurechtkommen müssen. Es ist eine Liebesgeschichte und gleichzeitig eine Art Versuchsanordnung, die auf subtile Weise von den unsichtbaren Klassengrenzen und damit den Realitäten im Land erzählt - die genauso übrigens in Deutschland zu beobachten sind. Zum einen ist da Hélène, eine attraktive Frau von knapp 40 Jahren, die aus bürgerlichen Verhältnissen stammt und nach dem Studium als Unternehmensberaterin eine steile Karriere gemacht hat. Zum anderen geht es um Christophe, der einst als junger Eishockeyspieler der Schwarm aller Mädchen war und nun, ebenfalls um die 40, noch eine letzte Saison in der zweiten Liga dranhängt. Sein Geld aber verdient er aber mühsam als Vertreter für Hundefutter.

Diese beiden Menschen passen eigentlich nicht zueinander. Sie entstammen unterschiedlichen Verhältnissen, sind in unterschiedlichen Milieus zuhause, haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Und doch finden sie im Moment persönlicher Krisen zueinander. Was Nicolas Mathieu die Möglichkeit gibt, in großen Bögen vom einer Gesellschaft zu erzählen, in der eine latente Unruhe, unterschwellige Aggressionen und tiefe Enttäuschungen zu spüren sind.

Das gelingt, weil sich der Schriftsteller erneut als präziser Menschenkenner erweist, der packend und dicht zu erzählen versteht. Etwa, wenn es in Rückblenden um Hélènes Karriere geht, die nun als leitende Mitarbeiterin einer Consultingfirma erfolglos darauf setzt, von ihrem Chef zur Partnerin gemacht zu werden. Sie stößt beruflich erstmals an eine Art gläserne Decke, weil es nun nicht mehr auf pure Leistung und Effizienz ankommt, sondern mindestens ebenso um Netzwerke und Intrigen in einer kühlen Männerwelt. Christophe hingegen, ein aufrechter Typ, enstammt dem Kleinbürgertum, hatte nie größere berufliche Ambitionen und lebt seit jeher in seinem kleinen Städtchen in Frankreichs vom wirtschaftlichen Abstieg gezeichneten Osten. Mit seiner Ex-Frau streitet er sich um das Sorgerecht für das gemeinsame Kind und wird so von den Zwängen des Alltags aufgerieben, während er sich zugleich in die Affäre mit Hélène stürzt.

Wie Nicolas Mathieu diese kleine Welt anhand seines Figurenensembles entstehen lässt, zeugt von großer Meisterschaft. Hier ein dementer Vater, dort eine verhärmte Mutter, hier ein paar saufende Freunde, dort ein karrieristischer Ehemann, der kein Interesse am Familienleben zeigt. Vor allem aber gelingt es dem Schriftsteller, im Aufeinandertreffen dieser Milieus den trennenden Graben sichtbar zu machen, den etwa die Wähler Macrons von den Wählern der Rechts- und Linkspopulisten trent. Anhand des realen Lebens abseits des alles überstrahlenden - und verdeckenden - Paris wird hier der unbehaglich wirkende Umbruch unser aller Lebenswirklichkeit geschildert, an dem diese fragile Liebe eigentlich nur scheitern kann.

Nicolas Mathieu: Connemara. 432 Seiten. 26 Euro. Hanser.

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