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Zwischen Corona und Personalnot

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Von: Ingo Berghöfer

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Prof. Werner Seeger nimmt Stellung zu Vorwürfen aus den Reihen der UKGM-Belegschaft. Foto: UKGM © UKGM

Prof. Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM, spricht über die Arbeitsbedingungen im Klinikum Gießen. Dabei reagiert er auch auf Vorwürfe aus der Belegschaft.

Gießen. Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) steht derzeit an vielen Fronten unter Beschuss. Der Streit um die künftige Finanzierung zwischen dem privaten Betreiber Rhön-Klinikum und der hessischen Landesregierung um die Höhe des öffentlichen Anteils an der finanziellen Ausstattung des nach wie vor öffentliche Aufgaben erfüllenden Klinikums zieht sich in die Länge. Mit regelmäßigen Streiks machen UKGM-Beschäftigte auf die ihrer Ansicht nach schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam, und auch den Anzeiger erreichen immer wieder Vorwürfe aus der Belegschaft. Darüber haben wir mit Prof. Werner Seeger, dem Ärztlichen Geschäftsführer des UKGM, gesprochen.

War der binnen 24 Stunden widerrufene Einsatz von Corona-positiven Mitarbeitern nicht ein Akt der Verzweiflung?

Zu den grundsätzlichen Mechanismen, wie wir mit den extremen Belastungen durch mehr erkrankte Patienten und gleichzeitig ausfallenden Mitarbeitern umgehen können, um die Patientenversorgung sicherzustellen, gehört auch die Möglichkeit, eine Meldung von Level 1, dem Normalbetrieb, auf Level 2 zu tätigen. Dieses eröffnet die Möglichkeit, auch infizierte Mitarbeiter, wenn diese sich absolut gesund fühlen und dazu auch bereit sind, unter maximalem Hygieneschutz in kritischen Bereichen arbeiten zu lassen. Zu diesen Bereichen gehörte unter anderem die Sterilisation von medizinischen Instrumenten, wo wir auf dem Höhepunkt der Krankheitsfälle unter unseren Mitarbeitern 60 Prozent Ausfälle hatten. In patientennahen Bereichen haben wir hiervon nicht Gebrauch gemacht, und wir haben die Maßnahme, sobald die Bedingungen es erlaubten, nach etwa einer Woche wieder beendet.

Man hätte deshalb also Operationen verschieben müssen?

Nicht nur. Sterilgut brauchen wir in nahezu allen Bereichen: für Operationen, die Intensivstationen und vieles mehr. Wenn Sterilgut fehlt, kann dieses Klinikum nicht mehr arbeiten. Und natürlich sind dann Patienten gefährdet.

Hätte man da nicht Mitarbeiter aus anderen Bereichen abstellen können, wenn die Sterilisation der Instrumente so essenziell für den Klinikbetrieb ist?

Die Sterilisation ist ein hochspezialisierter Bereich. Allein im operativen Bereich gibt es mehr als 15 Disziplinen, die komplexe und anders strukturierte Instrumentensiebe nutzen. Da braucht man ein Spezialwissen über hunderte, wenn nicht gar 1000 Instrumente, um solche Siebe verantwortungsvoll packen und zur Sterilisation vorbereiten zu können. Da kann niemand einfach einspringen, der nicht eingearbeitet ist. Wir haben nur noch wenige Mitarbeiter im operativen Bereich, die früher selbst einmal ein Training im Bereich Sterilisation hatten. Und genau die haben wir gebeten, in dieser Engpass-Phase in der Sterilisation mitzuarbeiten. Für diesen Bereich suchen wir weiterhin Mitarbeiter. Wir haben uns sogar dafür eingesetzt, dass die tarifliche Entlohnung dieser Mitarbeiter angehoben wird, weil diese Tätigkeit für ein Klinikum genauso unverzichtbar ist wie die Fluglotsen für einen Airport. In dieser Situation muss man eine Güterabwägung treffen. Auf der einen Seite wären durch fehlendes Sterilgut Patienten gefährdet worden, auf der anderen Seite ist es natürlich eine Belastung, zu arbeiten, wenn man infiziert ist, weil man dann ja möglicherweise andere Mitarbeiter anstecken könnte. Um dem vorzubeugen, waren Maßnahmen wie das strikte Tragen einer FFP2-Maske oder der Aufenthalt in getrennten Pausenräumen angeordnet worden. Bei dieser Güterabwägung haben wir uns entschlossen, diese Meldung auf Level 2 vorzunehmen. Unter dem gleichen Zugzwang haben das ja auch später die meisten hessischen Krankenhäuser ebenfalls getan. Wir sind dann nach circa einer Woche, als sich die Personalnot entspannt hatte, wieder auf den Normalbetrieb zurückgegangen.

Aber was macht das für einen Eindruck auf die Menschen im Kreis, wenn am selben Tag im Anzeiger zu lesen ist, dass das Arbeitsgericht Gießen ein Beschäftigungsverbot für gesunde, aber ungeimpfte Altenpfleger bestätigt, aber im UKGM Corona-positive Mitarbeiter eingesetzt werden sollen?

Ich glaube, dass ein Außenstehender einem Klinikum, das eine zentrale Rolle für die ganze Region hat, unterstellen sollte, dass es zu einer solchen Maßnahme nur greift, wenn es unter Abwägung aller Möglichkeiten dieses Vorgehen für das geringere Übel hält. Und genau das war der Fall. Es macht natürlich deutlich, wie kritisch und angespannt die Situation für diese Klinik und nahezu alle anderen Krankenhäuser war, angesichts der Kombination aus einer höheren Zahl zu versorgender Patienten - die wir nicht abweisen können - und gleichzeitig erheblich erhöhtem Krankenstand der Mitarbeiter.

Wie steht es um die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter? Die betriebsärztliche Untersuchungsstelle soll seit Jahren unterbesetzt und es sollen keine regelmäßigen Einstellungsuntersuchungen durchgeführt worden sein. Wenn ein Termin nicht wahrgenommen werden könne, werde der auf unbestimmte Zeit verschoben, heißt es. Dabei sollen Mitarbeiter doch alle zwei Jahre untersucht werden.

Es ist richtig, dass wir schon seit langer Zeit händeringend ärztliche Mitarbeiter für unsere Untersuchungsstelle suchen. Auch hier macht sich der Ärztemangel bemerkbar und diese Berufssparte ist offensichtlich nicht so attraktiv. Wir haben diese Stellen vielfach ausgeschrieben und auch persönlich geworben, um die Mitarbeiterzahl in der ärztlichen Untersuchungsstelle zu erhöhen, Wir haben versucht, unterstützende Maßnahmen in die Wege zu leiten, um die Engpasssituation zu mildern, und ich rufe jeden Arzt auf, der dieses Interview liest, sich gerne als ärztlicher Mitarbeiter in der ärztlichen Untersuchungsstelle zu melden. Zu den Details, was Terminverschiebungen betrifft, kann ich nichts sagen. Dazu müsste ich die Leitung der Untersuchungsstelle kontaktieren.

Es gebe immer noch kein Pausenkonzept für Träger von FFP2-Masken, wird beklagt. Die müssten ja eigentlich alle zwei bis drei Stunden für 15 Minuten die Masken absetzen und dafür das Haus verlassen.

In den Intensivbereichen ist geregelt, dass die Mitarbeiter, die dort unter einem sehr belastenden Ganzkörperschutz arbeiten müssen, zu bestimmten Zeiten aus dem Patientenkontakt herausgehen, um sich zu erholen. Wenn wir viele Patienten versorgen müssen und die Mitarbeiterzahl knapp ist, entsteht hierdurch natürlich ein zeitlicher Druck. In anderen Bereich obliegt es den Mitarbeitern selbst, ihre Pausen zu regeln. Wir haben festgelegt, dass in den Aufenthaltsbereichen die FFP2-Maske zum Essen abgelegt werden kann. Allerdings haben wir zu Corona-Hochphasen darauf gedrungen, dass sich nicht zu viele Mitarbeiter gleichzeitig in diesen Räumen aufhalten

Es wird aus der Belegschaft auch moniert, dass es zu wenige Infusionen, Klebeband oder Bettwäsche gebe, obwohl die eigentlich im Lager ausreichend vorhanden sind. Doch niemand wisse, wo die stehen, weil die Materialwirtschaft - Zitat - »kaputtgespart« werde.

»Kaputtsparen« ist eine böswillige Unterstellung. Im Materialbereich sind keinerlei Stellen gekürzt worden, richtig ist aber, dass es - ähnlich wie bei der Sterilisation - schwierig ist, im Materialbereich alle vorhandenen Stellen zu besetzen. Auch im Materiallager kam es aufgrund der Corona-bedingten Ausfälle, zusätzlich zum nicht komplett besetzten Stellenplan, zu einer starken Unterbesetzung. In dieser Situation mussten wir verschiedene Ersatzkonzepte so gut wie möglich umsetzen. Dazu gehört auch, dass die einzelnen Versorgungsbereiche selbst aktiver zu der Warenversorgung beitragen müssen. Ein Klinikum ist extrem arbeitsteilig aufgestellt. Deshalb können wir auch nicht einfach irgendjemanden ins Lager schicken, weil der gar nicht weiß, wo er was findet und wohin es wie geliefert werden soll. Der Stellenplan sieht derzeit 21 Mitarbeiter im Materiallager und 15 auf der Ebene der Versorgungsassistenten vor. Es sind nicht alle besetzt, aber wir bemühen uns.

Ist auch hier das Lohnniveau ein Grund für den Stellenmangel im Materialbereich?

Zweifellos sind auch die Stellen im Materiallager keine hochrangig bezahlten Positionen, so wichtig sie auch in einem extrem arbeitsteilig organisierten Klinikum sind.

Die Klinik will neue Gebäude bauen, was eine Bedingung für eine höhere Förderung vom Land wäre, dabei reicht das Personal jetzt schon nicht, um alle Stationen dauerhaft zu besetzen. Wie passt das zusammen?

Hier muss man zwei Dinge beachten. Wir haben in bestimmten Bereichen Renovierungsbedarf, der nicht aufgeschoben werden kann. Dazu zähle ich die sogenannte Neue Chirurgie. Hier müssten entweder für Renovierungsmaßnahmen erhebliche Gelder in die Hand genommen werden oder aber es kommt zu der klügeren Lösung eines Neubaus, der die jetzigen chirurgischen Flächen aufnimmt und auch noch Platz schafft für weitere, gegenwärtig außenliegende, Klinikbereiche. Das sind die Augenklinik, die Hautklinik und die Psychosomatik, um nur die wichtigsten zu nennen. Auch für die bräuchten wir Neubauflächen im Bestand des Gesamtklinikums, um sie so besser in dessen Arbeitsabläufe zu integrieren.

Sie holen jetzt viele Pflegekräfte aus dem Ausland, von den Philippinen, aus Mexiko oder Brasilien. Der Unterrichtsstoff ist groß und der Stundenplan eng getaktet. Wenn aber 17 Auszubildende 14 verschiedene Sprachen sprechen, ohne dass es zuvor eine umfassende Sprachförderung gab, bleibe die Qualität auf der Strecke, beklagen Mitarbeiter.

Richtig ist, dass wir uns mit allen Kräften bemühen, zusätzliche Pflegekräfte und Funktionsmitarbeiter für die kritischen Bereiche zu gewinnen. Unsere Hauptansprechpartner sind gegenwärtig Institutionen in der Türkei, vor dem Hintergrund, dass wir diesbezüglich schon sehr viele kompetente Mitarbeiter im Klinikum haben. Mitarbeiter aus der Türkei müssen vor der Einreise eine Sprachprüfung auf B1-Niveau machen. Zudem müssen sie einen Defizit-Bescheid vorlegen, der ausweist, welche Bereiche sie noch nacharbeiten müssen, bevor sie das deutsche Examen ablegen können. Diese Nachschulungszeit liegt durchschnittlich zwischen drei und 18 Monaten. Anschließend folgt eine Kombination aus theoretischer und praktischer Ausbildung auf den Stationen. Zur endgültigen Prüfung müssen dann Deutschkenntnisse auf B2-Niveau plus pflegespezifische Sprachkenntnisse nachgewiesen werden. Erst dann kann das Examen abgelegt und eine Pflegetätigkeit im normalen Stellenplan aufgenommen werden.

Wie sollte das Klinikum in die nächsten Tarifverhandlungen im Zeichen der Inflation gehen? Wie wollen Sie verhindern, dass das Pflegepersonal, das sich heute schon unterbezahlt fühlt, von anderen Kliniken abgeworben wird?

Ich bin in die Tarifverhandlungen nicht eingebunden. Grundsätzlich muss es in denen darum gehen, einen Ausgleich für die erhöhte Inflation zu finden. Gleichzeitig muss aber auch die finanzielle Situation der Kliniken verbessert werden, um diese erhöhten Löhne auch zahlen zu können. Das ist aber leider viel weniger in der öffentlichen Diskussion und wird auch möglicherweise - so befürchten wir - nicht oder nur sehr unzureichend geschehen. Wenn da eine große Schere aufgeht, bekommen die Kliniken - und ich rede da nicht nur vom UKGM - ein riesiges Finanzierungsproblem.

Fühlen Sie sich von der hessischen Landesregierung ungerecht behandelt?

Selbstverständlich. Wie soll ich auch den Mitarbeitern erklären, dass die Uniklinik in Frankfurt in diesem Jahr neben 56,85 Millionen Euro Investitionsmitteln aus dem normalen Landeshaushalt auch noch eine »Corona-Zulage« von 48 Millionen Euro erhält, während dem Uniklinikum in Gießen für dringend notwendige Investitionen seit mehr als 15 Jahren nur 4,1 Millionen Euro pro Jahr vom Land zufließen? Der erheblich höhere Bedarf, der ja auch in Gießen besteht, muss dann über Kreditaufnahmen finanziert werden, die ja nur über die vermehrte Arbeitslast der Mitarbeiter zurückgezahlt werden können. Natürlich empfinden die Mitarbeiter dieses als eklatante Ungerechtigkeit.

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