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Zwischen Schmerz und Hoffnung

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Von: Felix Müller

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Hatten eindrückliche Texte ausgewählt (von links): Gabriele Gareis-Stammler, Carmen Lange und Chris Sima. Foto: Müller © Müller

Gießen (lix). »Wir haben gelernt wie Vögel zu fliegen und wie Fische zu schwimmen, aber wir haben verlernt wie Menschen zu leben.« In einer ausdrucksstarken, emotional aufwühlenden Lesung im Vortragsraum der Kongresshalle zeigten Carmen Lange, Chris Sima und Gabriele Gareis-Stammler anlässlich des Anti-Kriegs-Tages am 1. September mit eindringlichen Worten, wie sinnlos und leidvoll der Krieg ist.

Gleichzeitig bot der Abend mit dem Vortrag von Tagebucheinträgen, Gedichten und Biografie-Auszügen auch Anlass für Hoffnung und den dringlichen Wunsch, der »Freiheit Flügel zu verliehen.«

Der schwierige Spagat, über Krieg und Frieden zu berichten und dabei beide Seiten zu beleuchten, ohne das eine gewisse Schwere auf dem Thema liegt, gelang den drei ehemaligen Lehrerinnen der Theo-Koch-Schule vortrefflich - was auch daran lag, dass das Trio die Textausschnitte in einem dynamischen Wechsel vortrug. Ihre Auszüge boten einen Querschnitt, der vom 17. Jahrhundert bis zum aktuellen Kampfgeschehen in der Ukraine reicht und mit Emotionen wie Wut, Trauer, aber auch Träumen und Widerstand durchzogen war. So berichtete bereits im Jahr 1643 der deutsche Dichter Friedrich von Logau über des »Krieges Buchstaben«. Im Text heißt es: »Kummer, der das Mark verzehrt, Raub, der Hab und Gut verehrt, Elend, dass den Leib beschwert.«

Mitten ins Herz trafen die Berichte eines bosnischen Jungen aus dem Jahr 1993, der mitansehen muss, wie seine kleine Schwester durch einen Granaten-Einschlag vor seinen Augen stirbt. Ebenso der Tagebucheintrag einer Ukrainerin, die während des Zweiten Weltkriegs nach Hitler-Deutschland verschleppt wird, nachdem ihre Heimatstadt von den deutschen Truppen besetzt wurde. Die junge Frau kommt nach Pommern und berichtet von einem Leben, welches von Zwangsarbeit, Elend und Hunger bestimmt ist: »Wir aßen zu wenig, um zu leben und zu viel, um zu sterben.«

Auch dem Thema Flüchtlinge nahm sich das Trio an diesem Abend an, der von den »Omas gegen Rechts« in Kooperation mit dem Frauenkulturzentrum organisiert wurde. Mehrsprachig demonstrierten sie, wie sich ein »Refugee« fühlen müsse, wenn er in ein fremdes Land käme, das plötzlich seine Heimat darstellt. In dem Beitrag heißt es: »Entschuldigt, dass wir eure Ruhe stören und in euren Zügen und Bussen sitzen. Entschuldigt, dass wir nichts mitbringen. Das einzige, was wir haben, ist eine Geschichte - eine unbequeme noch dazu. Wir haben keine andere, es ist unsere Geschichte. Ich bin kein Flüchtling, denn ich bin nicht geflüchtet. Ich wurde fortgeweht, wie das Blatt eines Baumes.« Subtiler aber nicht weniger zum Nachdenken anregend, erzählten Lang, Sima und Gareis-Stammler vom »Krieg und seinem Bruder« - einer alten Geschichte, die an Aktualität nichts verloren hat und Parallelen zur heutigen Zeit aufweist. Das Stück diente zugleich als Zeichen für Hoffnung, denn am Ende wird der Krieg von Frieden abgelöst. »Denn auch wenn wir nicht genau wissen, ob der Frieden von Geburt an in uns ist, oder ein Gefühl darstellt. Er muss bei uns selbst beginnen, bevor wir ihn nach außen tragen.«

Auch wenn die Lesung keine Antworten auf die großen Fragen geben konnte, die von Unsicherheit und Zweifeln geprägt sind, konnte sie doch »wachrütteln« und einmal mehr deutlich machen, dass es viele Lösungen für Konflikte geben kann. Der Krieg ist keine davon.

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