+
Krisenkonzern Evergrande verkauft Tafelsilber: Der Name des Immobilienentwicklers wurde am Montag vom einstigen Hauptsitz in Shenzhen entfernt.

China.Table

Evergrande mit Notverkäufen: Experten befürchten Preissturz bei Immobilien in China - Greift Peking ein?

  • schließen

Infolge der Immobilienkrise geht die Rating-Agentur Fitch von einem Preissturz auf Chinas Wohnungsmarkt aus. Doch lässt es Peking wirklich so weit kommen?   

  • Die Rating-Agentur Fitch erwartet in der Evergrande-Krise starken Preisabfall für Wohnungen in China.
  • Die Regierung aber will keinen kompletten Zusammenbruch des Konzerns und könnte doch eingreifen.
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 12. Januar 2022.

Peking/Berlin – Die US-Ratingagentur Fitch liefert einen düsteren Ausblick auf Chinas* Immobilienmarkt. In ihrem aktuellen Bericht zum globalem Häusermarkt warnen die Experten, dass ausgerechnet die Volksrepublik eines der wenigen Länder weltweit sein könnte, in denen die Preise für Immobilien nicht nur nicht weiter steigen – sondern sogar kräftig zurückgehen könnten. 

Fitch sagt voraus, dass die chinesischen Wohnungspreise sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr um drei bis fünf Prozent sinken dürften, was vor allem an den weiterhin bestehenden Schwierigkeiten der großen chinesischen Immobilienentwickler liege. Die Agentur prognostiziert, dass im Zuge der Evergrande-Krise weitere dieser Immobilienfirmen* mit ihren Krediten in Zahlungsverzug geraten werden. Das dürfte zu Vertrauensverlusten bei Hauskäufern führen. „Obwohl wir erwarten, dass die Behörden eingreifen, um die Marktvolatilität einzudämmen, sind die Abwärtsrisiken erheblich“, schreibt Fitch. 

Bei der Frage, wie es für Chinas Immobilienentwickler weitergeht, wird vor allem das Schicksal von Evergrande selbst eine Rolle spielen. Der in akuten Zahlungsschwierigkeiten steckende Immobilienriese versucht weiterhin alles, um irgendwie zu überleben. Zumindest bemüht sich der Konzern, den Eindruck zu erwecken, auf Hochtouren an einer Lösung für seine Gläubiger zu arbeiten. Nachdem bereits Firmenflugzeuge verkauft wurden, hat sich der Konzern nun auch von seinem Hauptsitz in der südchinesischen Metropole Shenzhen* getrennt. Die Mitarbeiter des schmucken Hochhauses im Stadtteil Nanshan waren bereits vor gut einem Monat ausgezogen. Am Montag schraubten Bauarbeiter das Firmenlogo vom Dach. Künftig sollen die Geschäfte wieder aus der Nachbarstadt Guangzhou geführt werden, wo Evergrande einst gegründet wurde.

Evergrande: Verkauf von Tafelsilber kann versteckte Risiken nicht ausgleichen

Doch der Verkauf von Tafelsilber sowie die Verkleinerung der eigenen Büroflächen ändert nicht viel an der fast aussichtslosen Lage des Konzerns. Mit seiner schnellen Expansion hat Evergrande mehr als 260 Milliarden Euro an Schulden angehäuft*. Zumindest so viel steht in den Büchern. Doch darüber hinaus soll es weitere Verpflichtungen von 150 Milliarden Dollar geben. 

Luft verschaffen will sich Evergrande durch Verhandlungen mit seinen Gläubigern. Vergangene Woche kündigte der Konzern einen Plan an, wonach bald fällige Zinszahlungen um ein halbes Jahr auf den Sommer verschoben* werden sollen. Auch kleinere Konkurrenten wie Kaisa oder die Aoyuan-Gruppe loten aus, wie sie ihren Hals noch einmal aus der Schlinge ziehen können. 

China: Regierung will keinen kompletten Zusammenbruch der Branche

Am Ende wird es jedoch weniger auf das eigene Verhandlungsgeschick und mehr auf die weiteren Pläne Pekings ankommen. Schließlich stecken Chinas Immobilienentwickler vor allem in der Patsche, weil die Regierung im vergangenen Jahr aus Angst vor einer Schuldenblase plötzlich die Zügel für die gesamte Branche angezogen hat. Peking will die Verschuldung reduzieren und stärker gegen die Spekulation mit Wohnungen vorgehen. 

Dafür zog Peking „drei rote Linien“*: Das Verhältnis von Verbindlichkeiten zu Vermögenswerten darf nicht mehr als 70 Prozent betragen. Auch darf der Nettoverschuldungsgrad bei nicht mehr als 100 Prozent liegen. Die dritte „rote Linie“ betrifft das Verhältnis von liquiden Mitteln zu kurzfristigen Verbindlichkeiten von Unternehmen, das über dem Faktor eins liegen muss. Zwar hat die Regierung deutlich gemacht, dass an Evergrande ein Exempel statuiert werden soll, weshalb eine komplette Rettung unwahrscheinlich bleibt. Doch die Entsendung einer Expertengruppe in den Konzern zeigt auch, dass ein Zusammenbruch ebenfalls nicht akzeptiert wird.

Chinas Immobiliensektor: 25 Prozent des Wirtschaftswachstums

Die Regierung weiß: Der Immobiliensektor macht mehr als ein Viertel des chinesischen Wirtschaftswachstums* aus. 70 Prozent der chinesischen Haushaltsvermögen stecken in Immobilien, weshalb ein Crash zu wütenden Reaktionen der Bevölkerung* führen würde. Deshalb scheint die Regierung zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass Reformen zwar weiterhin notwendig sind, aber nicht unbedingt mit der Brechstange erfolgen müssen. Das scheint sogar für die „drei roten Linien“ zu gelten. Staatsmedien berichteten am Freitag über Pläne Pekings, diese doch wieder ein Stück weit entschärfen zu wollen. 

Laut Beobachtern könnten gelockerte Regeln dafür sorgen, dass bei noch relativ gesunden Entwicklern die Bereitschaft steigt, Bauprojekte von Krisenkonzernen wie Evergrande zu erwerben – und sich dafür weiter zu verschulden. Der Markt könnte sich so im besten Fall durch Fusionen und Übernahmen ohne große Verwerfungen neu sortierten. Trifft dieses Szenario ein, dann dürfte der große Preisverfall an Chinas Häusermarkt 2022 wohl ausbleiben.

Von Gregor Koppenburg und Jörn Petring 

Jörn Petring und Gregor Koppenburg leben seit einigen Jahren als freie Autoren in Peking. Seit Anfang 2021 berichten sie von dort auch für China.Table.

Dieser Artikel erschien am 11. Januar im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

China.Table Logo

Das könnte Sie auch interessieren