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Grenzenloser Hunger auf Fleisch: China will mit Robotern Klon-Schweine produzieren

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Von: China.Table

Geklonte Schweine in einem Stall in Tianjin
Geklonte Schweine in einem Stall in Tianjin: Chinas Fleischhunger wächst. © VCG/IMAGO (Archivfoto)

Chinesische Forscher haben ein Verfahren entwickelt, um per Roboter Schweine zu klonen. Damit könnte sich das Land auf einen Pfad begeben, der von den Vorstellungen in Europa deutlich abweicht.

Peking – Chinesische Wissenschaftler haben weltweit erstmalig ein Verfahren entwickelt, Schweine für die Fleischindustrie komplett mit Künstlicher Intelligenz und Robotern zu klonen. Sollte sich die Technologie als reif für die Massenproduktion erweisen, könnte sich die Volksrepublik bald unabhängig von Importen machen. Zum anderen könnte das Klonen nützlich sein, um neue Medikamente zu testen oder gefährdete Arten zu erhalten, lassen die Forscher vom College of Artificial Intelligence an der Nankai University in Tianjin verlauten.

Der Durchbruch für die Technologie gelang ihnen bereits im März. Damals konnten sieben geklonte Schweine durch ein Muttertier auf die Welt gebracht werden. Jeder Schritt bis zur Geburt sei dabei komplett automatisiert gewesen, erklärt Liu Yaowei, ein Forscher, der das Verfahren mitentwickelt hat: „Ein menschliches Eingreifen fand nicht statt.“ Die Roboter würden so genau arbeiten, dass es im Gegensatz zum „händisch durchgeführten Klonen“ nicht zur Beschädigung von Zellen komme.

Das Problem menschlicher Ungeschicklichkeit hatte die Klon-Technologie bislang immer wieder zurückgeworfen. Die gebräuchlichste Methode zum Klonen von Tieren war der somatische Zellkerntransfer (SCNT). Dabei entfernt ein Wissenschaftler den Kern aus der Eizelle eines Tieres per Hand, der dann durch einen Kern ersetzt wird, der aus einer anderen, „normalen“ Körperzelle entnommen wird. Der Embryo mit dem transplantierten Kern wird dann in ein Leihmuttertier eingepflanzt.

Professor Zhao Xin vom Institut für Robotik der Nankai-Universität in Tianjin
Professor Zhao Xin vom Institut für Robotik der Nankai-Universität in Tianjin: Mit geklonten Schweinen will China den Fleisch-Hunger seiner Bevölkerung stillen. © VCG/IMAGO (Archivfoto)

Der herkömmliche Prozess habe eine hohe Fehlerrate aufgewiesen und sei sehr zeitintensiv, erklären die Forscher. Ihnen sei es in den vergangenen fünf Jahren gelungen, die Erfolgsrate von maschinell geklonten Embryonen von 21 Prozent auf 27,5 Prozent zu verbessern. Bei manuellen Eingriffen liege die Erfolgsrate nur bei etwa zehn Prozent. „Unser KI-gestütztes System kann die Belastung innerhalb einer Zelle berechnen und den Roboter anweisen, den Klonprozess dann mit minimaler Kraft auszuführen.“

Eine Forschungsveröffentlichung mit den technischen Details wird derzeit von der wissenschaftlichen Gemeinde in China geprüft. Es soll demnächst in der Zeitschrift der chinesischen Akademie für Ingenieurwissenschaften veröffentlicht werden, erklären die Wissenschaftler der South China Morning Post.

China: Schweinefleisch gilt als systemrelevant

Das nicht nur für die Tierschützer gruselig anmutende Verfahren ist aus der Not geboren. Je mehr Chinesen zu Wohlstand kommen, desto mehr Fleisch essen sie. Und die Schweinepest, die vor Covid in China grassierte, hat gezeigt, wie anfällig die Versorgung mit Fleisch ist. China ist heute der weltweit größte Produzent – und auch Konsument – von Schweinefleisch. Laut offiziellen Zolldaten importierte China allein im April 140.000 Tonnen Schweinefleisch. Dieser Wert liegt im Vergleich aber noch Corona-bedingt niedrig, genauso wie die Preise. Im Dezember vor der Pandemie lag die Einfuhr bei fast 270.000 Tonnen.

Die Chinesen konsumieren im Jahr mehr als 30 Kilogramm Schweinefleisch pro Kopf, genauso viel wie die USA. In Deutschland sind es 45 Kilogramm. Der chinesische Bedarf ist also enorm.

Chinas Schweineindustrie hat sich jedoch immer noch nicht ganz vom Ausbruch der afrikanischen Schweinepest 2018 und 2019 erholt, die die chinesische Zuchtpopulation dezimierte. Das Virus, das sogar überlebt, wenn man Fleisch kocht oder einfriert, hatte sich von Nordostchina über das ganze Land ausgebreitet. Hunderte Millionen Schweine mussten zwangsgetötet werden.

Weil Schweinefleisch aber so ein integraler Bestandteil der chinesischen Küche ist, importierte China Millionen Tonnen aus dem Ausland, was sich auch auf die Preise in Deutschland auswirkt – und zwar in beide Richtungen. Sogar die 2007 von der Regierung in landesweiten Kühlhäusern angelegten „strategischen Schweinefleischreserven“ mussten angebrochen werden, um die Preise stabil zu halten. Mit einer für die Massenproduktion reifen Klontechnik könnten chinesische Bauern ihre Herden in solchen Fällen in Zukunft stabil halten. Sie wären auch unabhängiger von dem Zucht-Zyklus, der jetzt zu einem Überangebot führt. 

Chinas Klon-Schweine: Rentables, aber riskantes Geschäft

Fragt sich, bis wann das automatisierte Schweine-Klonen die Marktreife erreicht. Es gab 2015 bereits einen Anlauf, der es jedoch nie in die Umsetzung geschafft hat. Die Firma Boyalife wollte identische Kühe und Hunde in Massenproduktion herstellen. Das Unternehmen ist mit Gentechnik für die Landwirtschaft weiterhin im Geschäft und verfolgt auch weiterhin ihre Klon-Pläne, liegt aber Jahre hinter dem Zeitplan. Boyalife verkauft aber bereits geklonte Wachhunde an Sicherheitsbehörden.

Das Klonen von Nutztieren hat in der Massenproduktion von Fleisch eine Reihe von Vorteilen. Die Herstellung der Embryonen erfolgt in großer Zahl in einer zentralen Fabrik. Die Tiere haben alle identische, perfekte Eigenschaften. Die Anwendung von Robotern soll zudem künftig den bisher hohen Ausschuss beim Klonen verringern. Allerdings müssen die Jungtiere auch künftig von Säuen ausgetragen und auf Bauernhöfen aufgezogen und gemästet werden.

China: Widerspruch zu Europas Ansatz

Doch auch das lässt sich auf große Produktionsstrukturen übertragen. Die Landwirtschaft ist in China seit Experimenten mit extremer Kollektivierung heute wieder kleinteiliger organisiert. Eine erneute Konsolidierung würde die Professionalität fördern.
All diese Ideen widersprechen zugleich fundamental dem vorherrschenden europäischen Ansatz zur Verbesserung des Agrarsektors. Die EU fördert die biologische Landwirtschaft. Ein Klonfleisch-Verbot ist in Europa seit Jahren in der Diskussion und wurde sogar schon vom EU-Parlament verabschiedet. Die Regeln sind aber wegen Widerstands der Mitgliedsstaaten noch nicht wirksam geworden. Doch das Klonen von Nutztieren ist bisher in der EU weder gängige Praxis, noch soll es in großem Stil eingeführt werden.

Von Frank Sieren

Der China-Spezialist und Bestseller-Autor Frank Sieren lebt seit 1994 in Peking. Er arbeitete bereits als Korrespondent für die Wirtschaftswoche und das Handelsblatt. Seit 2021 schreibt er für das China.Table Professional Briefing.

Dieser Artikel erschien am 22. Juni 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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