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Inflation: Die EZB muss auf die Bremse treten, statt nur vom Gas zu gehen

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Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank.
Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. © Commerzbank/N. Bruckmann/M. Litzka

Die Europäische Zentralbank hat zu zögerlich auf die steigende Inflation reagiert. Nun drohen auch mittelfristig Teuerungsraten deutlich über dem Ziel von zwei Prozent, warnt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Dr. Jörg Krämer im Vorfeld der EZB-Sitzung am kommenden Donnerstag im Gastbeitrag, und ruft die Währungshüter zu einem entschlosseneren Einschreiten auf.

Berlin – Auf ihrer Sitzung am Donnerstag dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) beschließen, ab Juli keine weiteren Anleihen zu kaufen. Außerdem wird sie wohl in Aussicht stellen, die negativen Leitzinsen bis Ende des dritten Quartals abzuschaffen. Sie leitet damit die Zinswende ein.

Allerdings sollte man von der Sitzung am Donnerstag nicht zu viel erwarten. Zwar hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde vor kurzem gesagt, die EZB würde ihren Leitzins nach einem Ende der Negativzinspolitik in Richtung des sogenannten neutralen Niveaus anheben, bei dem die Konjunktur im Euroraum weder angeschoben noch gebremst wird. Aber bereits mit dieser moderaten Äußerung hat Lagarde Widerspruch geerntet – und anderem von ihrem eigenen Chefvolkswirt Philip Lane, der für langsamere Zinserhöhungen plädierte und Lagardes Aussage herunterspielte.

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EZB-Leitzins: Zielvorgabe viel zu niedrig

Das neutrale Niveau, auf das der EZB-Leitzins nach Lagardes Aussage mittelfristig steigen solle, sieht die EZB ohnehin nur bei ein bis 1,5 Prozent, was viel zu niedrig ist. Das erkennt man, wenn man davon das Inflationsziel von zwei Prozent abzieht. Dann ergibt sich nämlich ein gleichgewichtiger Realzins unter null Prozent, was der Vorstellung widerspricht, dass Sparen als Konsumverzicht belohnt und nicht bestraft werden sollte. Realistischer ist ein neutraler Zins von 2,5 Prozent bis drei Prozent, wenn man sich an den langfristigen Wachstumsaussichten des Euroraums (null bis ein Prozent) und am Inflationsziel von zwei Prozent orientiert.

Aber selbst ein Leitzins von 2,5 bis drei Prozent dürfte kaum ausreichen, um die Inflation wieder dauerhaft auf das EZB-Ziel zu drücken. Denn eine Zentralbank muss in der Regel über den neutralen Zins hinaus gehen, wenn sie ein ernsthaftes Inflationsproblem hat. Es reicht nicht, nur den Fuß vom Gas zu nehmen, sie muss auch auf die Bremse treten.

Dass kräftige Zinserhöhungen notwendig sind, zeigt nicht nur die Inflationsrate, die im Mai auf über acht Prozent gestiegen ist und damit meilenweit über dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegt. Problematisch ist auch, dass die Verbraucherpreise auch jenseits von Energie und Nahrungsmitteln stark zulegen. Die sogenannte Kerninflation, die diese beiden schwankungsanfälligen Komponenten ausschließt, ist bereits auf 3,8 Prozent gestiegen, nachdem sie vor Ausbruch von Corona um nur um ein Prozent geschwankt hatte.

Wachsendes Risiko für Lohn-Preis-Spirale

Die Verbraucherpreise sollten weiter auf breiter Front steigen. Denn auf den vorgelagerten Produktionsstufen im verarbeitenden Gewerbe legten die Erzeugerpreise zuletzt um mehr als 33 Prozent zu, ohne dass sich eine Wende nach unten abzeichnet. Diese Kostenlawine haben die Unternehmen noch nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben. Außerdem zeichnet sich bei den Löhnen schon der nächste Kostenschub ab. Den Gewerkschaften bleibt angesichts der hohen Inflation nichts anderes übrig, als höhere Löhne zu fordern. Für die anstehenden Verhandlungen liegen die Forderungen für eine Laufzeit von zwölf Monaten bei sechs bis 7,5 Prozent. Das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale steigt.

Weil die EZB die ausgeprägten Inflationsrisiken aber nicht mit ausreichend hohen Leitzinsen bekämpft, dürfte die Inflation auf Jahre deutlich über dem Ziel von zwei Prozent liegen. Das gilt umso mehr, als die Zentralbanken ohnehin mit Gegenwind zu kämpfen haben. So erhöht die Klimapolitik den Preis von CO2 und damit die Inflation, und wegen der zunehmenden Spannungen zwischen dem Westen und China dürften viele Unternehmen auf andere, teurere Produktionsstandorte ausweichen. Außerdem sinkt in den USA und in Europa der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter, was Arbeit verknappt und die Lohnkosten erhöht. Leider sieht es so aus, als sei die Inflation gekommen, um noch lange zu bleiben.

Zum Autor: Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank in Frankfurt.

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