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Wirtschaftsweiser Wieland warnt: Inflation steigt 2022 weiter - vier Prozent wahrscheinlich

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Von: Thomas Schmidtutz

Prof. Volker Wieland: Der Wirtschaftsweise sieht die Inflation im Jahresverlauf über dem Niveau von 2021.
Prof. Volker Wieland: Der Wirtschaftsweise sieht die Inflation im Jahresverlauf über dem Niveau von 2021. © Stefan Boness/Imago

Der Wirtschaftsweise Volker Wieland geht von weiter steigenden Inflationsraten aus. Eine Abkehr der EZB von ihrer ultralockeren Geldpolitik erwartet Wieland aber dennoch nicht.

München – Der Wirtschaftsweise Volker Wieland erwartet für das laufende Jahr einen weiter wachsenden Inflationsdruck in Deutschland. „Vier Prozent Inflation im Jahresdurchschnitt 2022 ist inzwischen ein recht wahrscheinliches Szenario“, erklärte Wieland gegenüber Merkur.de*. Noch im November war der Sachverständigenrat für 2022 von einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,6 Prozent ausgegangen. 

Herr Prof. Wieland, im Januar lag die Inflationsrate in Deutschland laut vorläufigen Daten bei 4,9 Prozent nach 5,3 Prozent im Dezember. Dabei hatten viele Volkswirte einen deutlich kräftigeren Rückgang erwartet. In der Eurozone war die Teuerung zum Jahresauftakt mit 5,1 Prozent sogar auf dem höchsten Stand seit 1999. Wie überrascht sind Sie? 

Ich hatte bereits im Februar und März 2021 in verschiedenen Beiträgen auf das Risiko hingewiesen, dass es 2021 und darüber hinaus zu Preissteigerungen von drei bis vier Prozent kommen könnte. Damals wurde das belächelt. Man verwies auf die temporären Effekte, die bald aus dem Zwölf-Monatsvergleich fallen würden. Das sind sie nun. Aber die Verbraucherpreisinflation liegt immer noch bei 5 Prozent. Wenn man wiederholt überrascht wird, sollte man seine Prognosemodelle revidieren.

Löst sich die hohe Inflation im laufenden Jahr also womöglich doch nicht einfach in Luft auf, wie von vielen erhofft?

In Luft sicher nicht. Die Inflationsrate wird möglicherweise auch gar nicht, wie erhofft bis Jahresende wieder auf zwei Prozent oder darunterfallen.

Welche Inflationsrate erwarten Sie denn für Deutschland und die Euro-Zone im laufenden Jahr?

Vier Prozent Inflation im Jahresdurchschnitt 2022 ist inzwischen ein recht wahrscheinliches Szenario. Und die Euro-Zone nur leicht darunter. Es wird interessant zu sehen, wie sehr die Expertenprognosen jetzt revidiert werden. Vor der Januar-Überraschung war die mittlere Prognose für den Euro-Raum, was die Jahresrate 2022 betrifft, noch drei Prozent.  

Auch in den USA sorgt der Preisschub für wachsende Nervosität. Das ruft jetzt die Fed auf den Plan. Erst vor wenigen Tagen hat die US-Notenbank die Finanzmärkte auf das Ende der ultralockeren Geldpolitik eingestimmt. Am Donnerstag tagt nun der EZB-Rat. Werden die Euro-Hüter dem Beispiel der Fed folgen und auch in der Euro-Zone die Zinswende einläuten?

Ich fürchte nein. Sie werden wohl eher daran festhalten, jegliche Anpassung der Zinspolitik in 2022 auszuschließen. Dabei bedeutet der Anstieg der Inflationserwartungen, dass die reale Verzinsung jetzt noch viel tiefer ins Negative gerutscht ist. Das kommt einer weiteren Lockerung der Geldpolitik gleich. 

Einige Beobachter hoffen aber zumindest auf ein klares Signal der EZB in Richtung Zinswende?

Da hätten sie einiges zu erklären. Ich denke, Präsidentin Lagarde wird auf gestiegene Inflationsrisiken hinweisen und versichern, dass die EZB das eng im Auge behält. Aber mal sehen, eine pro-aktivere Reaktion würde ich begrüßen.

Aber an den Finanzmärkten wächst angesichts der öffentlichen Zurückhaltung der EZB das Unbehagen über den geldpolitischen Kurs in Frankfurt. Unterschätzt EZB-Chefin Christina Lagarde die Inflationsgefahr?

Aus meiner Sicht wäre jedenfalls eine stärkere Reaktion der EZB längst angebracht.

Die steigenden Inflationsraten kommen inzwischen ja auch bei den Haushalten an. Menschen mit vergleichsweise niedrigerem Einkommen trifft die Entwicklung besonders hart. Muss die Politik hier nicht eingreifen?

Die Inflation zu bekämpfen, ist Aufgabe der Geldpolitik und nicht der Regierungen. Und ja, das ist auch deshalb eine wichtige Aufgabe der Notenbank, weil es die Menschen mit geringeren Einkommen stärker trifft, denn sie geben einen höheren Anteil für Güter des täglichen Bedarfs aus. Die Mehrwertsteuer ist jedenfalls kein geeignetes Mittel zur Inflationsbekämpfung.

Was sollte denn die Politik stattdessen denn konkret tun?

Eine kluge Klimapolitik gebietet es, die Stromsteuer zu senken und die EEG Umlage abzuschaffen und stattdessen gezielt die Treibhausgas-Emissionen aus fossiler Energiegewinnung zu bepreisen.

Am stärksten trifft der Preisauftrieb wohl die Bezieher von Hartz IV. Muss der Bund hier noch mal nachsteuern und die entsprechenden Sätze anheben?

Der Regelsatz wird jährlich neu anhand der Preisentwicklung für regelbedarfsrelevante Güter und Einkommens- sowie Verbrauchstichproben ermittelt. Das Wohngeld ist an die Entwicklung von Mieten und Einkommen gekoppelt. Die Hartz-IV*-Regelsätze werden jedoch nicht automatisch monatlich an die allgemeine Inflationsrate angepasst, genauso wenig wie die Löhne. Statt nach einer „scala mobile“ zu rufen, die dazu führt, dass man die Inflation gar nicht mehr aus dem System kriegt, sollte man die Notenbank zum Handeln auffordern.  

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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